Die Pointe Saint-Mathieu – Hier haben Steine eine Seele

Es gibt sie wahrscheinlich überall auf der Welt. Manchmal verstecken Sie sich vor uns Menschen, manchmal wurden sie sogar von uns geschaffen: Orte mit einer Seele. Wer das Glück hatte, solch einen Ort schon einmal betreten zu haben, der weiß, was ich meine. Egal, ob es sich um eine Lichtung im Wald, ein altes Gebäude mit langer Geschichte, eine Ruine oder ein Park mitten in einer Stadt handelt – an diesen Orten spürt man irgendetwas. Man fühlt eine innere Ruhe, fühlt sich vielleicht mit dem Platz auf unerklärliche Weise verbunden, fühlt einen wohligen Schauer, der einem über den Rücken fährt. Egal wie sich das Gefühl äußert, sicher ist, dass irgendwas an diesem Ort anders ist. Ich glaube, dass jeder Mensch seinen ganz eigenen Seelenort hat, denn sie sind so unterschiedlich, wie wir Menschen selbst. 

Mich durchdringt immer ein ganz besonderes Gefühl der Ruhe, wenn ich das Kloster Marienstatt in meiner Heimat besuche. Für mich als Atheist ist diese Zisterzienserabtei trotz all meines Nichtglaubens ein sehr spiritueller Ort, der eine eigene Seele zu haben scheint.

Bei meinem letzten Besuch in der Bretagne habe ich einen neuen Seelenort gefunden, den ich aber wahrscheinlich mit vielen anderen Menschen teile: die Pointe Saint-Mathieu. Die Landspitze Saint-Mathieu ist ein beeindruckendes Stück Land, ein Konzentrat der bretonischen Landschaft. Auf deren Spitze thront der Phare de Saint-Mathieu, der Leuchtturm, weiß mit roten Streifen und einer Feuerhöhe von 56 Metern.

Erhaben wacht er über die Ruine der ehemaligen Abtei (Abbaye) Saint-Mathieu de Fine-Terre – ein interessanter Kontrast von Modern und Alt. Die Wellen branden gegen die steilen, schroffen Felsen, die rund 30 Meter hoch aus dem Meer Iroise ragen. Die Gischt spritzt meterhoch, man schmeckt das Salz auf den Lippen.

Neben Leuchtturm und Ruine befindet sich die im 19. Jahrhundert restaurierte Kapelle (Chapelle) Notre-Dame-de-Grâce.

In der Ruine sind einige Bereiche abgesperrt – Einsturzgefahr. Aber selbst in ihrem jetzigen, skelettartigen Zustand, ohne Dach und Fenster, strahlt sie Imposanz aus. Man fühlt sich klein, wenn man in den Arkaden des ehemaligen Hauptschiffs steht. Durch die leeren Fensterhöhlen der Kirche, die einst mit kunstvollen Glasbildern verschlossen waren, fällt das Licht in die Ruine und erzeugt interessante Schattenspiele.

Als ich die Überreste der ehemaligen Abteikirche zum ersten Mal betreten habe, musste ich innehalten, die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Welche Geschichten würden diese alten Steine wohl erzählen, wenn sie sprechen könnten?

Geschichten von Sturmfluten, von fremden Seefahrern, die an der Küste des Finestére einfallen wollten. Geschichten vom Leben im 6. Jahrhundert, als das Kloster auf der wellenumtosten Landspitze zu Ehren des Heiligen Matthäus errichtet wurde. Im 11. Jahrhundert entstand die gotische Abtei, um sie herum eine Stadt von der aus Handel und Seefahrt betrieben wurde. Die Mönche mussten sich gegen die feindlichen Seefahrer behaupten, die im 13. und 14. Jahrhundert immer wieder in das Kloster einfielen, große Teile davon zerstörten. Aber sie ließen sich nicht unterkriegen und bauten ihr Kloster nach jedem Angriff wieder auf. Es wären sicherlich wilde, spannende Geschichten voller Verluste und voller Kampfgeist, die die alten Steine erzählen würden. Die Steine, die eine eigene Seele zu haben scheinen.

Ganz andere – traurige – Geschichten erzählt das Marinedenkmal, das sich ebenfalls auf der Pointe Saint Mathieu befindet. 1927 wurde das Denkmal von René Quillivic zum Gedenken der für Frankreich gefallenen Marinesoldaten errichtet. Es erinnert an die Konflikte des 20. Jahrhunderts, die unzähligen Toten, die das Meer verschlungen hat.

Während meines Bretagneurlaubes war ich einige Male auf der Pointe Saint Mathieu, am schönsten war aber der Besuch in der Abenddämmerung. Von der Landspitze aus erlebt man wunderschöne Sonnenuntergänge, die die gesamte Anlage in ein goldenes Licht tauchen, das die mystische Stimmung noch verstärkt.

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